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Kommentar zum Finale Nürnberger Burgpokal: Ein Hurra auf das neue „Käppi“!

Aus der Perspektive des Betrachters: Wenig Klasse, viel Klamauk!

Frankfurt am Main. War`s das? War das die Cremé der nationalen Dressur-Nachwuchs-Elite mit der Vision, die internationalen Championate für die eigene Nation in Zukunft beflügeln zu können? Nein, die neuerlichen Helden von Frankfurt sind in der überwiegenden Zahl nicht dazu geeignet, den deutschen Dressur-Nimbus aus dem Tal der Tränen zu bugsieren und dem jahrzehntelangen Frohlockungsgedanken im deutschen Dressurlager neue, aufschäumende Glorifizierungen angedeihen zu lassen. Im Gegenteil: Wenn das die Protagonisten sein sollen, die die nationalen Farben in zwei und mehr Jahren auf den großen Vierecken dieser Welt möglichst in Siegerposen repräsentieren sollen, dann gute Nacht, Deutschland! Mithin kann das Resümmee von Frankfurt nur lauten: wenig Klasse, aber viel Klamauk!

Zur Klasse, oder was von dieser im kleinsten Rahmen vordergründig zu erheischen war: ein Hengst aus Westfalen war es, dem zwar nicht der Lorbeer umgehängt wurde, der aber durch seine frappierenden Bewegungs-Aktivitäten das feierlich frisierte Festhallen-Haus hippologisch leuchtend erstrahlen ließ. Mit dem dritten Rang bei dieser 20-sten Finalrunde des Nürnbergers Burgpokal in der „Gudd Stubb“ der Mainmetropole darf sich der Besitzer des Rock Forever, Wilhelm Holkenbrink aus Münster-Albachten, glücklich schätzen, denn mit dieser sportlich hochwertigen Darbietung werden die Stuten für den achtjährigen dunkelbraunen Hengst nur so Schlange stehen und die Schatulle des Eigners ungemein beleben helfen. Zucht und Sport in einer Hand - dieser oft zitierte, insofern abgedroschene Leitspruch aus den Hochglanz-Prospekten diverser Hengsthalter, erfährt bei diesem Hengst seine realistische Gültigkeit. Vielfach sind`s nur Phrasen.

Rock Forever imponierte einmal mehr durch seine getragene, nach oben heraus entwickelte Attitüde, mit der er sich von seinen 13 Mitbewerbern im Finalfeld signifikant abhob. Kein anderes Pferd entwickelte zudem in allen drei Grundgangarten diese Dynamik, diesen Drive aus der Hinterhand, die der Vorstellung eine schon fliegende Note als belebendes Element verlieh. Wenn sein Reiter Oliver Oelrich „die Knöpfe“ dabei - der Optik wegen - noch optimiert feinfühliger drücken würde - ein neues Sternchen-Duo hätte in Frankfurt aufgehen können.

Gleichwohl: Oelrich gelang es, den Hengst beinahe fehlerlos über diesen speziellen St. Georg-Kurs zu lancieren: lediglich das Rückwärtsrichten war holprig, weil schief und in den fliegenden Viererwechseln gab`s einen Haken. Rein optisch gesehen könnte man sich ein Mehr an Gleichmaß der fliegenden Galoppwechsel wünschen: rechts ging`s vorne höher hinaus als links. Ansonsten war die Runde in ihrer Komplexität ein Meisterstück, dem freilich die richtenden Herrschaften nicht beipflichten mochten, wenngleich drei von ihnen - Wüst, Eisenhardt und Plewa - beim abendlichen Schaulaufen in einer Art von punktueller Exstase verfielen: 9,8 verkündete das Trio. Dabei waren diese und andere zirzensische Einlagen lediglich dazu angetan, das Publikum bei Laune zu halten, nicht aber dem Dressurreiten einen neuen, fortschrittlichen Anstrich zu verpassen. Klamauk statt Kunst soll`s wohl sein, was die Organisatoren damit inszenieren wollen. Die Notenverteilung der Juroren der drei vermeintlich Final-Besten erschloss sich ohnehin kaum einem Beobachter in realistischer Weise. Ein Paradieren aller Finalisten zur besten Sendezeit dieses vorweihnachtlichen Events hätte mehr bewirken können: mehr Seriosität vor allem, aber auch mehr an Authentizität.

Dass es für Oelrichs Rock Forever am Mittag nicht zum großen Coup gereicht hatte, war für manchen Gast beim Jahresausklang schwerlich nachvollziehbar. Immerhin war das Münsteraner-Duo schlussendlich immerhin über 40 Zähler vom Triumph entfernt. Zumindest hatte Kommentator Hess nach der Finalrunde von Oelrich und seinem Westfalenhengst - sein starker Schritt in dieser gelassenen Form muss als optimal gelten - den Faden nicht verloren und sprach aus, was viele im glitzernden Rund wohl dachten: „Aus ihm kann ein ganz Großer unter den Dressurpferden werden!“

Der Oldenburger Hengst Desperado, einst weltmeisterlicher Primus bei den Jungen Dressurpferden in Verden - damals unter Nadine Pflaster - dürfte davon freilich noch einige Erdumdrehungen entfernt sein, wenngleich er sich im Finaldurchgang mit seinen großzügigen Bewegungsmomenten sowohl im Trab als auch im Galopp qualifizierte. Die Trabtraversalen sind in ihrer Mechanik ein Highlight, mit allem Schwung und Erhabenheit dieser Welt. Das große Manko dieses ebenfalls achtjährigen Pferdes, das Carola Koppelmann stilistisch akkurat dirigierte, ist jedoch seine Anlehnung, eine betont maulige Angelegenheit im wahrsten Sinne des Wortes, wobei die Genickformation noch ihr übriges hinzu tut. Diese Malaise zog sich wie ein roter Faden fast durch die gesamte Prüfung, was das - namentlich - hochkarätige Richter-Quintett aber geflissentlich außer Acht ließ, denn ansonsten hätten in der Schlussabrechnung nie und nimmer über 75 Prozentpunkte das Siegerpaar zieren dürfen. Bei Dressurprüfungen ähnlicher Güte, allerdings vor provinzieller Kulisse, werden die Aktivisten mit so einer penetrant fehlerhaften Haltung und Auswirkung von den Häuschen-Besetzern regelrecht abgeschossen.

Richter erlebten „Weihnachten und Ostern“ an einem Tag

Wenn Isabell Werth, wie in diesem Fall mit einem Pferd, das nett und schön anzuschauen war, auf der Bildfläche erscheint, werden alle Richter und Lautsprecher schwach, dann ist für sie sozusagen Weihnachten und Ostern an einem Tag. Die „Queen“ hat`s halt im Griff. In Frankfurt wie anderswo. Der braune, erst siebenjährige rheinische Hengst namens Flatley, den die junge Mutter im Festhallen-Schmuck gesattelt hatte, ist wohl alles andere als ein Götterfunke der Dressur: sein Bewegungspotential ist mehr als begrenzt und säße nicht eben jene wundersame Solistin auf dem Rücken dieses strammen Interpreten - anzunehmen wäre, das Dressurreiten fände mit allen Nebenwirkungen dieses Genres statt. Der salbungsvolle Kommentar eines Dauer-Schmeichlers wie Christoph Hess sagte eigentlich nichts und doch wiederum alles: „Das Pferd beherrscht das ganze Repertoire mit dem internationalen Niveau in der Kleinen Tour!“ Mit anderen Worten: der Hengst kann nichts richtig! Aber seine Reiterin, die hat`s nicht nur in den Beinen, sondern neuerlich auch auf dem Kopf, das besondere Etwas, ein braunes, offenbar von ihr selbst gestyltes Käppi. Es lebe die neue deutsche Sicherheit im Dressursport! Was sie und der Fürst Piccolo-Sohn in Frankfurt jedenfalls auf dem zweiten Platz mit weitmehr als 73 Prozent zu suchen hatten, dieses Geheimnis dürfte wohl nur für die geistreichen Analysen der Richtercrew bestimmt sein. Soll dieses Pferd, mit einer Normalität an allen Ecken und Kanten, etwa den deutschen Dressursport mit Perspektive verkünden? Daran glaubte in Frankfurt noch nicht einmal der Weihnachtsmann!

Ansonsten blieben nur noch drei Pferde übrig, die zur höheren Ehren in Frankfurt hätten kommen können, wäre ihre Darstellung anders, weil fehlerloser verlaufen: Nadine Capellmanns Fuchsstute Diamond Girl, bei der buchstäblich die Weihnachtslichter durchbrannten. Die Westfalen-Diva trat zwar „die Lichter aus“, so überdimensioniert waren ihre Bewegungsmomente, aber ihr nervliches Dasein war in Frankfurt alles andere als von Sonnenschein geprägt, zudem hat ihre Maultätigkeit eine Runderneuerung verdient.

Der Fuchswallach Dancing Elvis, von Nadine Capellmann einst als Verdener Auktionspferd entdeckt und jetzt von Matthias Rath gelenkt, ist zwar ein bewegungskapitaler Blickfang auf dem Viereck, „verbaute“ sich aber durch seine Galopp-Wechsel-Misere alle Möglichkeiten für einen gehobenen Abschluss. Offensichtlich ist der hünenhafte Hannoveraner von Del Piero noch nicht losgelassen genug, vornehmlich im Genick, um seine überaus reichlich vorhandene Bewegungsdynamik in dieser Lektion einwandfrei entfalten zu können.

Technische Fehler verursachten auch bei Damsey, dem dunkelbraunen Hannoveraner-Hengst von Dressage Royal, eine bescheidene Platzierung (11.), wenngleich der Hengst weitaus mehr zu bieten imstande ist. Nicht selten hat es den Anschein, als ob seinem jungen Reiter Steffen Frahm die notwendige Konzentration während der Vorstellung verloren geht. Letztere dürfte dem Anschein nach bei einer Reiterin in Hülle und Fülle vorhanden sein, denn sie legte mit dem rheinischen Dunkelfuchswallach Fürst Khevenhüller die wohl sauberste aller Finalrunden aufs Parkett.

Lediglich gelang es Helen Langehanenberg - mit dem Stilpreis explicit geehrt - dieses Mal nicht, das Bewegungs-Feuerwerk des Florestan-Sohnes zu entfachen: insbesondere im Trab „lief“ der Wallach mehr über das Sandgeläuf als dass er schwingendes Vorwärts demonstrierte. Es reichte aber zu Platz vier (71,3 %).

Zum Klamauk

Die Pressekonferenz in vornehmer Kuppel-Atmosphäre verlief so ganz und gar nach dem Geschmack der Isabell Werth: die Dressurlegende schlug mit der Präsentation ihrer schillernden Kopfbedeckung ein neues Kapitel im Dressurlager auf. Zur rechten Zeit, denn ab der bevorstehenden Jahreswende ist bei internationalen Einsätzen auf den Abreiteplätzen der Hut passé, das Käppi hingegen Pflicht. Und fast alle, ob Journalisten, Funktionäre oder andersgeartete Neugierige, die der Einladung der Nürnberger Versicherungsgruppe gefolgt waren, jubilierten quasi über die mit viel Pathos vorgetragene Laudatio der Dressurheldin, die zwar resümierte, sie wolle „keinen Kulturschock“ mit ihrem neuen Kopfschmuck schaffen, die aber dann gleichwohl das Plenum dazu nutzte, um sich als Werbeträger des neuen Designs vehement einzubringen. Wissen sollte man: Isabell Werth und die Firma Uvex aus Fürth haben den Helm gemeinsam kreiert und wollen ihn offenkundig auch gemeinsam fruchtbar vermarkten - so der Eindruck. Für den neutralen Beobachter war dieses unverhoffte Produkt-Marketing insofern irritierend, als dass Hans-Peter Schmidt, der Aufsichtsrat-Obere der Nürnberger Versicherungsgruppe, den Status quo und seine Visionen rund um den von ihm und seinem „Freund“ Rainer Klimke vor über 20 Jahren entwickelten Burgpokal erläutern wollte. Isabell Werth stahl ihm nicht ganz die Show. Der agile und joviale Vordenker aus Nürnberg verkündete immerhin die frohlockende „Weihnachts“-Botschaft: „Wir machen mit dem Nürnberger Burgpokal noch 20 Jahre weiter!" Und das im Krisenjahr rund um den Euro. Na bitte!

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21. Mai 2012

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