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EM-Dressur: Der Tag nach Rotterdam

KOMMENTAR: Es kann nur besser werden, mit dem Spitzensport Dressur

Warendorf. Ganz Deutschland im Totilas-Jubel! Ganz Deutschland? Nein, nicht ganz Deutschland, eine in sich verschworene Trainergemeinschaft aus dem Süden der Nation ist ganz anderer Meinung, wenn es um Ausrichtung und Sportpolitik der Deutschen Reiterlichen Vereinigung FN geht. Jene Trainer berufen sich auf die alten geschriebenen Lehren in Sachen Ausbildung von Ross und Reiter, dass es oft ein mühsamer und langer Weg bis zur (fast) vollendeten Reife ist. Die Vorgabe und das Erbe eines Edward Gal (NED), der den Rappen ausgebildet hat und ihn zum dreifachen Weltmeister brachte, wurden nach der jüngsten Europameisterschaft von Reiter Matthias Alexander Rath (Kronberg) nicht bestätigt.

Am Tag danach zeigte das ZDF-Morgenmagazin einige Bilder von Rotterdam. Bilder im Vergleich von Rath, von Rotterdam, und Gal, von den Weltreiterspielen in Kentucky 2010. Ein Unterschied in den Ausführungen wie Tag und Nacht, Gals ansehnliche Harmonie mit Totilas und Raths Bemühung in den noch unharmonischen Lektionen zu punkten. Einige Dressur-Trainer sind sich einig, dass es nur in ganz wenigen Ausnahmen reicht, einem Reiter ein komplett ausgebildetes Pferd unter den Allerwertesten zu schieben und glauben, oder besser hoffen, es wird schon funktionieren. Einer, der es wissen muss, wie es mit Totilas funktioniert(e), ist Sjef Janssen, Bundestrainer der niederländischen Dressurreiter. In einem Interview gab er zu verstehen: „Ich glaube, dass Totilas und sein neuer Reiter sich noch nicht besonders gut verstehen, es sind noch viele Hausaufgaben zu erledigen. Ich weiß nicht, ob Totilas die Leistungen noch einmal bringen kann, die er unter Edward Gal hatte.“

Selbst die medienintensive Hochjubelung des „lackschwarzen Zauberers“, unter anderem so zu hören in der Kommentierung von ARD-Mitarbeiter Carsten Sostmeier bei der Übertragung der Grand Prix Kür von Rotterdam, werden die Probleme nicht mindern, die nun einmal vorhanden sind. Es hilft auch wenig, wenn der Hengst die weltbesten Piaffen und Passagen ausführt kann, wobei die Definition „weltbeste“ immer relativ ist. Selbst Mitbesitzer Paul Schockemöhle (Mühlen) hat, so die Einschätzung seines Gesichtsausdrucks nach der Kür von Rotterdam, wohl erkannt, dass nicht alles so einfach ist, wie man es gerne hätte.

Man erinnere sich an den diesjährigen CHIO Aachen, sozusagen die Einlaufprüfung für die EM in Rotterdam, die Tageszeitung WELT zitierte Schockemöhle wie folgt: „Das war ein klasse Grand Prix von Matthias, er hat sich optimal auf Totilas eingestellt.“ Ähnliche Töne von Stiefmutter und Mitbesitzerin Ann Kathrin Linsenhoff, die sogar ihre Freude lauthals verkündete: „Das war unglaublich, ich bin völlig hin und weg, die beiden sind wunderbar verschmolzen und passen gut zueinander.“ Das mag in Aachen so gewesen sein, nur in Rotterdam hätte man noch ein paar Schüppen nachlegen müssen, um zumindest in allen EM-Klassen einen Medaillenrang zu erreichen. Denn eine Medaille wurde in den letzten Jahren immer vorausgesetzt, zumindest in der Warendorfer Reiterzentrale. Es gab ja auch jenes Dauerabonnement im Hochleistungssegment Dressurreiten.

Den vorläufig letzten Goldjubel gab es bei den Olympischen Spielen in Hongkong 2008, die deutsche Mannschaft - mit den Reiterpaaren Heike Kemmer/Bonaparte, Nadine Capellmann/Elvis VA und Isabell Werth/Satchmo - gewann mit 72,916 Prozentpunkten nur hauchdünn die Mannschaftswertung. Silbermedaillengewinner waren die Niederlande, sie holten 71,750 %, ein Unterschied zu den Deutschen von 1,166 % bei drei Reiterpaaren, ein Durchschnitt von 0,38866 Prozent pro Reiter.

Verhaltener Jubel ein Jahr später bei der EM im britischen Windsor, Deutschland abgeschlagen mit der Bronzemedaille in der Mannschaftswertung, Holland gewann, Silber ging an das Gastgeberland. In den Einzelwertungen Grand Prix Special und Grand Prix Kür gab es nur bedauernde Blicke der Konkurrenz, Deutschlands Einzelreiter hatten nichts zu melden.

Ortswechsel, Weltreiterspiele 2010 im amerikanischen Bundesstaat Kentucky. Die Oranje-Equipe gewann überlegen die Mannschaftswertung mit 229,745 Prozentpunkten, gefolgt von den Briten mit 224,767 % und Deutschland auf Bronze: 220,595 %. In den Einzelwertungen nahmen die deutschen Reiter nur teil. Zur Erinnerung, Totilas unter Ausbilder und Präsentator Edward Gal schrieb mit seinen Noten Dressurgeschichte: 84,043 % (Mannschaft), 85,708 % (Einzel, Grand Prix Special) und 91,800 % (Einzel, Grand Prix Kür).

Ortswechsel, die Anlage von Paul Schockemöhle in Mühlen im Oldenburger Münsterland, im November 2010. Auf dem Tagesprogramm stand die Präsentation von Totilas unter seinem neuen Reiter Matthias A. Rath. Ein Medienschaulaufen, wie man es von hochkarätigen Popkonzerten her kennt. Viele der Reitsportjournalisten, selbst altgediente, überschlagen sich in ihren Berichten, sogar Medien, bei denen Pferdesport bis dato nur ein Randereignis war, „entwickelten“ sich plötzlich zu Experten par excellence - obwohl sie wenig oder keine Ahnung hatten. Ein Ruck ging durch das von Doping und anderen Skandalen gebeutelte deutsche Pferde-Land. So zu sagen als vierbeiniger „Messias“ wurde Hengst Totilas gesehen, verstanden und in der Folge vermarktet. Der rappschwarze hengstige Hype bestimmte viele Sportseiten, man bekam den Eindruck, der Sport wäre in einer Dauer-Gurkenzeit und der „Wunder-Hengst“ ist die Erlösung. Aber alles ist nun mal relativ.

In nicht ganz 12 Monate finden die Olympischen Sommerspiele in London statt, vom 27. Juli bis 12. August 2012. Wenn im königlichen Greenwich Park im gleichnamigen Londoner Stadtteil die Dressurwettbewerbe auf dem Zeitplan stehen, wird sich zeigen, ob das deutsche Unternehmen Dressurequipe die Schulaufgaben seit Rotterdam gemacht hat oder nicht. Mit großer Sicherheit werden die Aktiven des Gastgeberlandes als ganz ernstzunehmende Favoriten antreten. Und die Holländer werden auch alles dransetzen, um nach olympische Medaillen zu greifen. Im Interesse des Sports ist nicht zu hoffen, dass Deutschland eine Statistenrolle spielt oder unter Ferner liefen in den Ranglisten.

Ein Konzept muss her, die Führungsetage der Abteilung Deutsches Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) ist nun gefordert. Egal, ob der scheidende Geschäftsführer Reinhard Wendt bis zum Eintritt in das Rentnerleben Ende April 2012 ein schlüssiges Konzept parat hat oder sein Nachfolger, der 32 Jahre alte Noch-Pressesprecher Dennis Peiler, als „Neuling“ frischen Wind mitbringt, und damit sind keine Hörsaaltheorien gemeint, sondern praktische Umsetzung der Ist-Situation. Für den promovierten Sportwissenschaftler wird es kein einfacher Einstand sein, die jahrelange Lernbereitschaft im Umgang mit Reitern, Pferdebesitzern, Mäzen, Möchtergern-VIPS und sonstigen Funktionären aus den Landesverbänden eines Reinhard Wendt zu kompensieren. Aber an solchen Aufgaben wird man gemessen, und man kann daran wachsen - oder auch nicht.

Und jene Trainerschaft aus dem Süden der Nation wird das Warendorfer Geschehen recht aufmerksam beobachten. Der guten Ordnung halber der Hinweis, dass die vorerwähnten Trainer nicht öffentlich reden wollen oder können: „Wir sind in diesem System unterwegs, das ist unser Job. Und eines ist ganz sicher, Totilas ist ein Ausnahmepferd, kein Zweifel, aber wie heißt es im Volksmund: andere Mütter haben auch top-veranlagte Töchter und Söhne, siehe die britischen und holländischen Reiter, die in Rotterdam mit ihren Pferden die Realität zeigten.“

Letztendlich hatte Totilas einiges zu absolvieren. Neben den dichten Turnierstarts in München, Wiesbaden, Balve, Aachen und Rotterdam zuvor noch die Absamungs-Einsätze auf dem Phantom könnten Spuren im Leistungspotential des Hengstes hinterlassen haben.

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21. Mai 2012

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