Banner

Wer ist online?

Wir haben 495 Gäste online

Das Finale der jungen WM-Pferde: die Wechsel-Katastrophe der Sechsjährigen

KOMMENTAR: Theoretiker weg - neue Richter braucht Verden / Fuchsstute Farouche, eine Augenweide

Verden. Was war das nur für eine kunterbunte Weltmeisterschaft der Jungen Dressurpferde. Kunterbunt deshalb, weil die meisten Vorhersagen den Wetter-Facetten in Verden ähnelten: mal so, mal so. Und wären nicht zwei fünfjährige Aspiranten auf der Matte erschienen, es wären wohl die langweiligsten Reiterspiele dieses Genres geworden. Die Qualitäten waren überwiegend von mäßiger Natur, insbesondere bei den Sechsjährigen, die ein Hauptkriterium einer Dressurpferdeprüfung der Klasse M, die fliegenden Galoppwechsel, größtenteils in einer solch miserablen Ausführung vollzogen, dass man geneigt war zu konstatieren, was hatten diese scheinbaren WM-Helden überhaupt bei diesem Gipfeltreffen zu suchen.

Wenn man das deutsche Kontingent betrachtet, so bleibt eigentlich nur eine Kombination in nachhaltiger Erinnerung: Helen Langehanenberg und ihre fünfjährige westfälische Stute Damon`s Divene. Die Fuchsstute avancierte zwar „nur“ zur Vizeweltmeisterin (9.12), demonstrierte gleichwohl ihre einzigarten Bewegungsalternativen, die mit hoher Schwungprägnanz und Elastizität gepaart waren. Wobei die Damon Hill-Tochter (Mutter von Rubin-Royal) in der Finalqualifikation eine noch trefflichere, soll heißen überlegenere Figur abgab als 48 Stunden später im 15ner Finalfeld. Das hohe Gleichmaß ihrer Bewegungen in allen Facetten, ob versammelt und in den  jeweiligen Verstärkungen - die Stute birgt in sich alles, was ein kommendes Dressurpferd für die höchsten Ansprüche auf dem Viereck zu erfüllen vermag. Dabei ist die äußerst energisch, weil weit unter den Schwerpunkt repitierende Hinterhand des Pferdes das Kernstück ihrer fulminanten Bewegungsaktivität. Kein anderes Pferd dieser Weltmeisterschaft konnte mit einer solch dominanten Rotation seiner Antriebsmotorik glänzen.

Auch nicht der neue „King of the Road“, die fünfjährige in England nach hannoverschem Gene-Muster (Fürst Heinrich mal Dimaggio) gezeugte Stute Farouche. Und schon gar nicht der Dritte im Bunde, der holländische Exporthengst Bretton Woods - deckte bislang in Oldenburg (Station Ahlers, Hatten) und wird dies dort auch künftig verrichten (Station Schockemöhle, Mühlen), dessen Hinterhand-Passivität im Trab und Schritt auffälliger nicht sein könnte. Insbesondere in den Trabverstärkungen übt sich der schwarze Beau in Alle-meine-Entchen-Manier: sein hinteres Geläuf erstreckt sich alles andere als nach vorne; vielmehr ist dieses nach hinten-raus orientiert. Seine Finalnoten waren gleichsam fabelreich: 8,88 hieß die Zusammenfassung der fünf Ziffern, wobei eine Galopp-Verstärkung nach deutscher Lesart ebensowenig zu registrieren war, wie ein korrekter, auf der Hinterhand getragener Aussengalopp.

Dennoch, die vier Schiedsrichter geizten nicht und noteten mit 9,4. Den Bogen schoss dabei die Sprecherin der Finalrunde, die Holländerin Marietta Sanders von Gansewinkel ab, die als Erklärung für das „General Impressions“ (9.0) doch allen Ernstes durchs Mikrofon hauchte: „Wir haben diese Note gegeben, weil der Hengst ein schönes, großrahmiges Pferd ist!“ Mehr an Unvermögen hinsichtlich einer richterlichen Wertschätzung ist noch nicht einmal bei Kaninchenzüchter-Wettbewerben zu konstatieren. Es muss insofern berechtigterweise die Frage erlaubt sein: ist die niederländische Blondine als Teil der Richtercrew eigentlich qualifiziert genug, wenn sie solche zum himmel-schreienden Kommentare vom Stapel läßt? Ohnehin schien sich der Eindruck zu manifestieren, als dass die besagte Dame ihre Landsleute mit deren Pferden unverhohlen verbal in ein anderes öffentliches Licht rückte als die Kontrahenten: Jubelarien waren angesagt!

Wie überhaupt zu fragen ist, ob die Weltzüchter-Organisation (WBFSH) mit ihrem Präsidenten Jan Pedersen (Dänemark) - offensichtlich im Einvernehmen mit der internationalen Reiter-Förderation  (FEI) - gut daran tut, Jahr für Jahr auch ergraute Grand Prix-Richter ins Rennen um die Häuschen-Plätze zu schicken. Sicher: die Wertefindung für Lektionen in den höheren Klassifizierungen mögen diese „Privilegierten“ noch mit Bravour erledigen, schließlich kann man das Grand Prix-Tableau der Notenskala auch ohne Abitur auswendig lernen; ob ein Spanier wie Mariano Santos Retondo oder ein Pole wie Wojciech Markowski oder eine Jennie Loriston-Clarke aus England dazu gesondert geeignet sind, junge Pferde auf ihre naturgegebenen Errungenschaften im Gleichklang mit reiterlicher Einflussnahme hin zu qualifizieren, muss nach dieser nicht-weltmeisterlichen Runde arg bezweifelt werden. Beschäftigen sich diese „Herrschaften“ eigentlich tagtäglich mit jungen Dressurpferden, entweder als Reiter höchstpersönlich oder als Ausbilder mit ständigem Sichtkontakt? Argwohn sei erlaubt.

Auch die übrigen Kollegen, der Brite Andrew Ralph Gardner, der Belgier Jacques van Daele im Pas-de-deux mit der Deutschen Angelika Frömming hatten so ihre Malaise mit den Werturteilen. Man lese und staune: in der Finalqualifikation ließen sie die beiden deutschen Hengste, De Champ (von Daddy Cool - Caprimond) und Fürstenball (von Fürst Heinrich - Donnerhall) sozusagen mit den Endnoten 7,9 und 7,88 ins Leere laufen, so dass die beiden Reiterinnen, Anja Engelbart und Ines Westendarp, gezwungen waren, für die Trostrunde noch einmal zu satteln. In diesem Zwischenspiel jedoch  überschlugen sich die richtenden Aktivisten förmlich mit ihren Wertmaßstäben für die beiden besagten Hengste aus dem Hause Schockemöhle.

Nur 24 Stunden nach dem Desaster - raus aus dem Finale - erfuhren die PS-Vermehrer eine wundersame Wandlung durch die hilfreichen Unparteiischen. Wie Phönix aus der Asche landeten die beiden Mühlener Entsandten im sogenannten Kleinen Finale eine bibelreiche Auferstehung mit Wertnoten von 9,14 und 8,98. Meilenweit vor dem Drittplatzierten (8.04). Alle Welt fragte sich in Verden natürlich zu Recht, wie konnte sich dieser „Himmelfahrtstag“ über die Verdener Arena niederlassen? Welche Anstrengungen hatte wer mit wem in den Stunden dazwischen unternommen? Im Finale war`s dann mit der Herrlichkeit der beiden „Hofierten“ vorbei. Gleichwohl: jene 8,33 für De Champ (Trab hinten raus, keine Lastaufnahme im Kurz-Kehrt, Volte im Trab eng, Volte im Galopp verworfen, Außengalopp wenig Tragfähigkeit) und jene 8,12 für Fürstenball (Galoppverstärkung nicht gezeigt, Außengalopp mit tiefem Kopf, Mitteltrab Taktfehler, Starker Trab frühzeitig beendet, Anlehnung nicht konstant) waren viel zu großzügig angesetzt, als dass diese das wahre Leistungsprofil der beiden Hengste in Verden aufrichtig dokumentiert hätten. Die Plätze zehn und 13 waren mithin schmeichelhaft.

Farouche, was für ein Potential - wird sie das neue Zauberpferd?

Die Deutschen brachten es immerhin fertig, fünf ihrer Auserwählten in die Finalrunde zu lancieren, während die Holländer vier, die Dänen nur zwei und die Briten gar nur einen Kantonisten aufbieten durften. Die Schweden gingen leer aus. Die Briten freilich nicht, denn ihre Protagonistin, die Fuchsstute Farouche, die neue Weltmeisterin, strahlte über alle Maßen. Wenn nicht die bescheidene Ausprägung ihres Grundtrabes wäre - wenig elastisch und  energisch - müsste man in ihrem Fall von einem Zauberpferd sprechen, das nur alle zehn Jahre zum Weltgipfel der Youngster erscheint. Die Trabverstärkungen sind kolossal schwungvoll und bergauf, ebenso die Galopp-Tour in allen Einzelheiten, energiegeladen und großzügig. Der Schritt ist gleichsam perfektioniert. Aufgrund der nicht eben aufreizenden Mechanik im Arbeitstrab hätten Markowski & Co. in Verden niemals eine 10,0 für diesen Part verteilen dürfen. Oder gehört der Arbeitstrab urplötzlich nicht mehr zur Grundausstattung eines Dressurpferdes?

Aus deutscher Sicht wäre noch zu sagen, dass der Warendorfer Landbeschäler Sunday (von Sandro Hit - Donnerhall) in diesem vermeintlichen Elitefeld sowohl optisch als auch mit seinen wenig ergiebigen Bewegungen unterging. Seine Galopprunde war als unter-ferner-liefen zu bezeichnen. Warum hatten die Deutschen „dieses Pony“ ohnehin nominiert? Die Fidertanz-Stute Fairytale und Novia (von Stedinger - Alabaster), ein Bewegungspferd aller erster Güte, hatten den Einzug ins Finale erst gar nicht gemeistert.

Bei den Sechsjährigen sah die deutsche Bilanz auf dem Papier freundlicher aus, wenngleich diese aufgrund der präsentierten Darbietungen beileibe nicht himmelhochjauchzend ausfiel. Die sieben deutschen Nominierten erreichten zwar alle die Finalrunde, doch was man dort von ihnen zu sehen bekam, war solide Hausmannskost. Für anspruchsvolle Gaumenfreunde, für Delikatessen á la Schuhbeck oder Lafer, war herzlich wenig dabei. Sogar die neue Weltchampionesse Emmelie Scholtens aus Holland mit ihrem Obelisk-Sohn Astrix - ein Jahr zuvor ebenso in Verden auf den WM-Thron gehievt - vermochten keine gourmet-reichen Häppchen auf das Viereck zu zaubern. Ein Verwöhn-Aroma kam insofern beim sonntäglichen Schlußgalopp zu keiner Zeit auf.

Wie schon gesagt: wenn die fliegenden Galoppwechsel nicht sitzen, dürfen Richter eigentlich nicht mit vortrefflichen Attributen frohe Botschaften verkünden: bei der alten und neuen Nummer eins dieser (sechsjährigen) Welt holten Angelika Frömming und ihre Sitznachbarn aber mächtig aus, wobei zwei der vier fliegenden Wechsel deutlich nachgesprungen und mithin fehlerhaft waren. Die nicht eben freizügige Anlehnung des Pferdes an die stramm agierende Reiterhand übersahen die Richtenden geflissentlich. Die wackelige Rotation des Oberkörpers der Reiterin in der Schrittphase sei nur als Randnotiz kritisch erwähnt. Jene 8,7 als Schlußresultat war jedenfalls mehr als fragwürdig.

Der Fairness halber muss konstatiert werden, das bei den Sechsjährigen in diesem Jahr ein richtiger, weil strahlender Champion ohnehin nicht auszumachen war. Wenn von den Deutschen einer diesen Lorbeer aufgrund seiner excellenten Grundwerte verdient gehabt hätte, dann wäre wohl nur der Rheinländer Lezard (von Lord Loxley - Riccione) in Betracht gekommen, den Matthias Bouten allerdings nicht so schillernd in Szene setzen konnte wie noch bei der nationalen Sichtung in Warendorf. Ein Wechsel ging zwar nur daneben und größere „Bolzen“ waren in der Finalrunde nicht zu sehen, aber der ganz große Wurf war`s nicht.

Der vierte Platz blieb übrig. Dorothee Schneider holte sich mit St. Emilion (von Sandro Hit - Ehrenwort) Bronze. Eine solide Runde. Mehr aber auch nicht. Und die nur noch strahlende Uta Gräf aus der Pfalz mit ihrem Damon Hill-Sohn Damon Jerome rissen auch keine Bäume aus: Schritt und Kurz-Kehrt waren vorzüglich, doch in seiner übrigen Bewegungsentfaltung lässt der rheinische Wallach doch Defizite erkennen - keine Galoppverstärkung, flache Wechsel, in der Rechts-Traversale kaum Stellung und Biegung. Eine brave, gleichsam aber keine emotional aufreizende Vorstellung, die jedoch mit der Vize-Weltmeisterschaft belohnt wurde. Allein daran war der qualitative Stellenwert dieser WM der Sechsjährigen schon zu messen. Ein amts-hoher deutscher Dressurfunktionär: „Sehr langweilig, das Ganze!“

Der Rest der deutschen Crew trug zum Wohlbefinden des Publikums auch nichts Erregendes bei, sieht man einmal von Kristine Möllers Braunen Freak Blue Phantom (von Florencio - Feinbrand) ab, der im Finalfeld mit den auffallendsten fliegenden Wechsel hätte punkten müssen. Die Richter kreideten ihm ein „hohes Tempo“ und zu wenig Lastaufnahme an. Erneut eine Fehleinschätzung der (theoretischen) Analysten. Sollten nicht Dynamik und Energie auch oder vor allem eine wesentliche Rolle in einer Dressurpferdeprüfung spielen statt Schlafwagengestottere? Schade nur, dass Deutschlands Geheimtfavorit, der braune Hannoveraner Soulmate (von Sandro Hit - Calypso II) einen rabenschwarzen Tag erlebte. Seine fliegenden Wechsel waren, gelinde gesagt, eine Katastrophe. Keiner der vier fiel so aus, wie fliegende Wechsel nun einmal ausfallen müssen: durchgesprungen und im Einklang mit der Hilfengebung der Reiterin. Diese, Senta Kirchhoff, schien ohnehin vergessen zu haben, das ein Dressurpferd vor seiner Senkrechten zu traben und zu galoppieren hat, was während ihrer Final-Präsentation nur in wenigen Sequenzen der Fall war. Dieses bewegungsphänomenale Pferd hätte in Verden zielsicherer gemanagt werden müssen. Leider war keiner der (vier) Bundestrainer zur Stelle, um die Reiterin auf die Defizite auf dem Abreiteplatz aufmerksam zu machen. Schade auch, dass Helen Langehanenberg ihre Stute Schickeria auf dem Viereck nicht in der Spur halten konnte: die Beiden vermasselten so ziemlich jede Lektion, die sich ihnen in den Weg stellte. Bei der hohen Qualität der Stute (von Sir Donnerhall - Weltmeyer) hätten unter anderen Umständen höhere oder gar höchste Meriten in Verden herauskommen können.

Vom Hochadel-Sohn Horatio (Mutter von Matcho AA) durften ohnehin, aus deutscher Sicht, keine Lorbeeren erwartet werden. Im Finale wurden er und Dorothee Schneider reichlich freundlich (8.22/Platz 6) bedient, wenngleich der hannoversche Rappe in punkto Bewegung nicht viel zu bieten hatte, von Schwungentfaltung und Elastizität im Körper ganz zu schweigen. Im Schritt kurz-lang, zwei Wechsel kaputt, und kaum Stellung und Biegung in den Traversalen - was blieb da an positiver Prägnanz noch übrig?

Andreas Helgstrand, der WM-Überflieger vergangener Zeiten, der erfolgsverwöhnte Kontrahent aus Dänemark, der im Finale mit seiner Schimmelstute Stamina (von Stedinger) auch keine Rosinen erntete (drei Wechsel kaputt, Kurz-Kehrt in Schleuderhaltung) und mithin mit Platz zehn genügsam sein musste, hatte sich diese Weltmeisterschaft wohl auch anders, weil für ihn erfolgreicher vorgestellt. Er trainierte in Verden auch mal wieder wie ein Berseker, aber allein mit Feuer und Dampf in Beinen, ist kein Dressurpferd in siegreicher Pose über das Viereck zu lenken. Auf die (wohldosierte) Mischung am richtigen Punkt kommt es eben an!

Kommentar schreiben

Nachstehend haben Sie die Möglichkeit, den oben stehenden Beitrag zu kommentieren - sagen Sie dazu Ihre Meinung.

Beim Eintragungsfeld "NAME" reicht Ihr Vorname.

Ihre einzutragende E-Mail-Adresse wird nicht mit-veröffentlicht.

Wir weisen daraufhin, dass neben dem Eintragungsdatum und der Uhrzeit auch Ihre IP-Adresse gespeichert werden. Diese Daten werden nicht an Dritte weitergegeben.

Bitte bleiben Sie sachlich. Wir behalten uns vor, beleidigende oder rechtsrelevante Texte zu kürzen bzw. zu entfernen.


Sicherheitscode
Aktualisieren

21. Mai 2012

Kostenlos: PDF-Special

Banner
Banner

PDF-Newsletter-Service

Sie möchten regelmäßig über Themen auf PferdeSportzeitung_de über unseren Newsletter-Service informiert werden? Bestellen Sie unseren kostenlosen Newsletter - OHNE jede Verpflichtung. Bitte nachstehend Ihren Namen und Ihre E-Mail-Adresse eintragen und auf Newsletter ANMELDEN klicken. Die Nutzungsbedingungen (AGB Newsletter) müssen bestätigt werden.
Nutzungsbedingungen