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Das Schicksal eines Dressurpferdes: einmal alt, für immer weg!
KOMMENTAR: Richter richten Elvis hin oder die Abwertung eines ehemaligen Olympioniken
Verden. Es war schon ein unwürdiges Schauspiel, was sich da am Sonntagnachmittag in der Verdener Sommerschwüle abspielte und den Gemütern der Beteiligten als auch manchem Beobachter arg zusetzte. Da hatte eine altgediente und verdiente deutsche Dressurqueen - Nadine Capellmann (Würselen) ihren ebenso langzeitlich meritenreichen Fuchswallach mit in die norddeutsche Provinz gebracht und im Grand Prix Spezial eine unerwartet famose Darbietung vollbracht - und dann dieses magere, eine schier unbegreifliche Ausbeute. Verursacht durch eine Crew von Richtern, die sich meiner Meinung nach fragen lassen müssen, ob sie noch auf der Höhe der Zeit ihre Noten aufs Papier kritzelten. Orginalton von Nadine Capellmann: „Ich habe den Eindruck, die haben mein Pferd schon abgeschrieben.“ Abgeschrieben, das ist gelinde formuliert. Besser, weil treffender hätte es heißen müssen: sie haben Elvis (u.a. olympisches Mannschaftsgold 2008 in Hongkong), den alten hannoverschen Viereck-Recken, schon aufs Altenteil verfrachtet.
Der Sohn des Espri hatte in den letzten Jahren beileibe nicht mehr viel zu melden, wenn es um die Rosinen im deutschen Dressuroberhaus ging. Elvis ließ zwar nicht die Ohren hängen, wurde von seiner Reiterin und Besitzerin auf vielen nationalen Events präsentiert, erlangte aber nicht mehr die Form jener Jahre, als er auch von der Presse als Dressurheros hofiert wurde. Irgendwann zeigte sich der Wallach nicht mehr in jener Attitüde, die ein Dressurpferd von Format nun einmal demonstrieren sollte: Genick höchster Punkt. Elvis „muckelte“ fortan über das Viereck, wollte und konnte offenbar den Druck der Reiterhand in seinem Maul nicht mehr akzeptieren und nix war`s mehr mit der korrekten Haltung, was die Dressurspezies Anlehnung nennen. Der Wallach rutschte im nationalen und später auch auch im nationalen Ranking ins Mittelmaß und landete nur noch vereinzelt über der 70 Prozent-Marke. Es war wie verhext: aber Nadine Capellmann bekam das Manko mit der Anlehnung ihres Pferdes nicht mehr in den Griff. Elvis rückte somit in die zweite Reihe der deutschen Dressurgrößen, war für Bundestrainer Holger Schmezer kein Kandidat mehr für höhere Ansprüche.
Das war einmal, möchte man meinen, wenn man den 15-jährigen Garibaldi II-Enkel in Verden erlebte. Denn Elvis trabte und galoppierte, insbesondere bei seinem zweiten Auftritt, wie weiland über das sandige Geläuf, als er zum Besten des Landes zählte. Nichts war mehr davon zu sehen, das Elvis mit langem Hals und vorgeschobener Nase seinen Dienst verrichtete und sich somit aus der Bahn brachte. Nein, der Held von einst marschierte in stolzer, aufrechter Pose von Lektion zu Lektion und erledigte seine Aufgabe ohne nennenswerte Fehlerqoute, was die Damen und Herren der Jury offenbar gänzlich anders beurteilten. Sie schienen die berühmten Tomaten auf ihren Augen zu haben oder sie wollten mit purer Ignoranz nicht wahrhaben, dass ein beinahe schon ausrangiertes Dressurpferd eine wundersame Heilung erfuhr und „wie einst im Mai“ auf der Bühne tanzte.
Elivis hielt seinen Kopf da hin, wo ein Dressurpferd denselben nun einmal auf dem Viereck haben sollte: aufrecht, sozusagen stolz wie Oskar! Und diese neue optische Einstellung verdankt er offenbar einem neu konstruierten Lederteilchen an seinem Kopf, auch LG-Zaum genannt, das ihm offenkundig ein angenehmeres Wohlgefallen beschert, wenn seine Reiterin mit ihren Paraden seine Lenkung strapaziert. Jedenfalls war bei Elvis nichts mehr von einer „mauligen“ Angelegenheit zu sehen, die ihn in all` den Jahren bei den "Unparteiischen" schlecht aussehen hatte lassen. Im Gegenteil: er wirkte frisch wie ehedem und spielte sein furioses Bewegungskapital in vielen Lektionen in höchster Wirksamkeit aus.
Nun konnte man wohl nicht von allen fünf Spezialisten, die im Verdener GP die Häuschen besetzten, verlangen, dass sie diese schillernde Neuorientierung des Hannoveraners aus Aachen zu erkennen vermochten. Wann sehen eine Katrin Krüger aus Dänemark oder ein Mariano Santos Redondo aus Portugal in ihren heimatlichen Gefilden schon so eine große Anzahl von Grand Prix-Pferden - und das Woche für Woche? Und haben somit logischerweise ein breites Spektrum an Vergleichsmöglichkeiten vor Augen als beispielsweise ein Niederländer namens Chislain Fourage, von deutschen Dauerreisenden in Sachen Dressurrichten wie Elke Ebert aus Berlin oder dem Rheinländer Hans-Peter Schmitz ganz zu schweigen. Gerade die beiden Letzteren hätten erkennen müssen, dass das besagte Manko von Elvis sich in Luft aufgelöst hatte. Der deutsche Bundestrainer: „Das war eine Runde für mindestens 73 Prozent!“ Holger Schmezer pflichteten viele Beobachter in dieser seiner Einschätzung bei und sprachen von einem „verwerflichen“ Verhalten der „fünf Weisen“, die über die 71 Prozent in ihrer Notenverteilung nicht hinaus kamen. Es hatte den Anschein, als wollten und wollen sie Elvis ein für allemal als Kellerkind der Dressur belassen und ihm keinen zweite Chance für höhere Weihen geben. Nunmehr in Verden hätten Nadine Capallmann und ihrem bewegungsstrotzenden Pferd 74 Prozent oder gar mehr gut zu Gesicht gestanden, wobei das Paar aus Würselen wieder in den Blickpunkt der internationalen Szenerie getreten wäre.
Im Lager der Dressur-Obrigkeiten - und dazu gehört unzweifelhaft die richtende Clique - herrschen andere, dubiose Spielregeln, die zuweilen - wie im Fall des Elvis - den Pfad des sportlichen Anstandes weiträumig verlassen. Nicht umsonst heißt es unter Dressurreitern: ist ein Dressurpferd im Viereck erst einmal auf dem „absteigenden Ast“, dann kann es beizeiten noch so eindrucksvoll wieder in Erscheinung treten, sein Schicksal ist besiegelt. Dieses infame Spielchen spielten meines Erachtens fast alle Dressurrichter munter mit, hat doch keiner den Mut aus der Reihe zu tanzen und seine Noten nach dem soeben Geschehenen und Gesehenen nieder zu schreiben. Stattdessen besonnen sie sich auf das Gestern oder Vorgestern und halten sich somit den Rücken frei. Beim nächsten Mal wollen sie ja wieder im Häuschen agieren, wollen dabei sein, wenn die Großen dieser Welt sich zum smal talk treffen und dabei den - selbstverständlich kostenlosen - Champagner schlürfen. Für manche Dressurrichter scheint diese gehobene Präsenz eine lebensrelevante Daseinsberechtigung darzustellen.
Übrigens: Protestiert über das misslungene Werk der Richtertruppe in punkto Elvis wurde in Verden reichlich. Auch das zählt zu den Krebsgeschwüren der Dressur-Avantgarde: schimpfen, was das Zeug hält, aber bitte nur hinter vorgehaltener Hand. Sobald die Richter ihre Häuschen verlassen haben und sich in den Pulk der Aktiven und ihres Anhanges begeben, verstummen auch die Quer-Geister. Jedermann übt sich geschwollen in Diplomatie, wenngleich Klartext dringend geboten wäre.
Eine ehemals arrivierte deutsche Dressurreiterin fand eine vortreffliche Schlussfolgerung vor Ort: „Da reden sie alle, aber wenn es Ernst wird, ist keiner mehr da. Selbst unsere beiden Bundestrainer (die Herren Schmezer und Hilberath, Anm. d. Redaktion) halten den Mund und sind von der Matte verschwunden."
In Verden durfte Deutschlands Aktivposten Isabell Werth mit ihrem neunjährigen Youngster Don Johnson Fehler an Fehler reihen - es waren schlussendlich nur 23 Punkte, die sie (69,938 %) von Nadine Capellmann und ihrem Elvis (70,875 %) trennten. Auch oder gerade dieses Schauermärchen war ein Beweis dafür, welch ein Respekt einem in die Jahre gekommenen Pferd noch entgegengebracht wird, wenngleich es immer noch Glanz und Gloria ausstrahlt.
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