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KOMMENTAR: WM-Sichtung Junge Dressurpferde - Schockemöhle mischt die Karten mit!
Das Highlight: die Geschichte der Senta Kirchhoff

Warendorf. Es ist schon zum guten Brauch geworden, dass beim selektierenden Meeting der Jünglinge für die Dressur-Weltmeisterschaften einigen Präsentierern von vermeintlichen oder tatsächlichen Elite-Pferden feine, kaum hörbare, aber doch vernehmbare Präferenzen eingeräumt werden. Bei der jüngsten Auflage dieser Schausteller-Runde auf dem Warendorfer Geläuf blieben sich die FN-Gesandten treu in ihrer Dienstauffassung: wer uns regiert, dem müssen wir auch dienen!
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Der größte deutsche Hengsthalter privater Natur, Paul Schockemöhle (Archiv-Foto links) - kurz PS genannt -, wird natürlich mutmaßlich brennend daran interessiert sein, Jahr für Jahr aus seinem umfangreichen Mühlener Reservoir einige Aspiranten in das Rennen um die so außerordentlich beliebten Plätze für die Krone der internationalen jungen Dressurwelt zu entsenden, schließlich ist das Marketing pur. Der „Herr der Ringe“ versteht eben sein Geschäft, während sich vom Umfang an Hengsten her weitaus größere Institute, wie beispielsweise die Landgestüte Celle und Warendorf, es ihren Beamten offensichtlich nicht zutrauen, sich dem nationalen Qualitäts-Wettbewerb zu stellen. Nebenbei bemerkt: ein Armutszeugnis für die Beamtenschar. Letzteres gilt natürlich auch für die offensichtlich amtsmüden Staatsdiener-Kollegen aus Redefin, Marbach, Schwaiganger, Moritzburg und Prussendorf.
Steuergelder: Aufgabe der Landgestüte neu überdenken?
Aus dem Stall des mächtigen Mannes aus Mühlen war ein Triumvirat ins Pferdemekka entsandt worden, allesamt fünfjährig, wobei der Belissimo-Sohn Bentley (Mutter von Weltmeyer) zunächst - in der Vorbereitung - ins Auge stach, dem dann aber auf dem Viereck unter seiner dänischen Pilotin Maria Andersen zusehend die Luft ausging. Will heißen, sein beweglicher Vorwärtsdrang ließ sehr zu wünschen übrig; der noble Dunkelbraune verfiel mehr und mehr in eine schwankende Pose. Mithin fiel er zu recht durchs Sichtungs-Sieb, wohin meiner Meinung nach auch der zweite Schockemöhle-Vertreter, der Hengst De Champ (von Daddy Cool) gehört hätte, wären die drei „Unparteiischen“ ihrem Gewissen und ihrer fachlich-sachlichen Reputation treu geblieben. Der Hengst ist schön, hat Schmelz, ist hochgewachsen, aber hat Hinterbeine wie Stelzen und so trabt und galoppiert er auch dahin. Von Hankenbiegung, wie sie von einem Dressur-Gelehrten, wie Uli Kasselmann, schon seit Jahrzehnten folgerichtig vor unbedarften Hippo-Zeitgenossen doziert und propagiert wird, war bei diesem langbeinigen Fahrgestell nichts zu sehen. Das Sprunggelenk blieb weitgehend stangenhaft (was Wunder, bei einer Caprimond-Mama), von einer durch den Körper schwingenden Galoppade war rein gar nichts zu erblicken. So verfuhren die Herrn Richter - Ridder, Hilberath und Schmezer - bei diesem steif-reichen Exemplar nach der Augen-zu-Devise - schließlich ist Multi-Mensch Schockemöhle auch nicht irgendwer. Das Wirkungsfeld des Paul Schockemöhle erstreckt sich längst nicht mehr nur auf die Springreiter-Welt, sondern seine Aura hat längst im Dressurlager sicht- und spürbare Einflussnahme genommen. Immerhin ist er Mitbesitzer eines millionenschweren Hengstes, der den Dressursport wieder auf olympisches Gold bringen soll - so der Wunsch vieler aus dem Oberhaus Dressur. Sein Hausmanager Röser ist Warendorfer Dressurausschuss-Oberer, sein Freund Kasselmann sitzt gleich daneben und sein Frankfurter Totilas-Geschäftspartner Klaus-Martin Rath dürfte in dieser Pokerrunde ebenso als fleißiger Kartenmischer frohlocken. Was muss Schockemöhle also noch selber leisten, wenn nach seiner - wohlgemerkt leisen - Pfeife getanzt wird?
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Klaus Roeser, Angestellter bei Paul Schockemöhle. |
Der dritte Schockemöhle-Vierbeiner im Bunde, der schwarzgelackte Fürstenball (von Fürst Heinrich - Donnerhall) ist ebenso optisch begehrenswert, aber als sportiver Dressurler wohl kaum ein belebendes Erdbeben. Insbesondere in den Galopp-Reprisen fällt der Hengst durch Saft- und Kraftlosigkeit negativ auf, gleichsam lässt die Schrittarbeit keine vorzüglichen Attribute zu. Und in den Trabverstärkungen ging dem Nobelmann bei Punkt X die Marschverpflegung verloren. Einer Dressurpferdeprüfung der Klasse L auf höchstem Niveau war die Darbietung keineswegs würdig. Gleichwohl: Fürstenball darf neben Hausfreund De Champ nach Verden.
Potentiale: Augenmerk auf Branduardi, Novia und Sunday
Berechtigterweise darf indes der Fuchswallach Branduardi (von Breitling-Weltmeyer) mit seiner Reiterin Kathrin Meyer zu Strohen am Verdener Gipfelrennen teilhaben. Ein Pferd mit betonter Elastizität, Schwungentfaltung und akzentuierter Bewegungsmechanik, wenngleich der Dunkelfuchs in punkto Dynamik noch weitaus mehr zu bieten haben dürfte. Ein außergewöhnlich bewegungspointiertes Pferd ist die noble Bayernstute Novia (von Stedinger - Alabaster), die von Victoria Michaelke mit feiner Anlehnung und in lektionssicherer Ausführung gelenkt wurde. Der Trab und der Galopp sind bei diesem Pferd von exemplarischer Qualität. Einzig der Raumgriff im Schritt ist überdenkenswert, eben Stedinger-like.
Klein und fein präsentierte sich der Westfalen-Hengst Sunday (von Sandro Hit mal Donnerhall), den Anja Wilimzig ohne nennenswerte Ausläufer nach oben oder unten ins Ziel brachte. Ein patentes, chices Pferd, eine „ordentliche Runde“ wie Richter landauf landab zu sagen pflegen und über die Kollege Ridder via Lautsprecher in Warendorf konstatierte: „Auf dem richtigen Weg der Ausbildung!“ Diese nicht gerade schöpferische Wortfindung gebrauchte der nüchtern und spröde wirkende Westfale bei der Mehrzahl der anwesenden Agierenden.
Bundeschampionat-Kommentierung: Wunschkandidat Dietrich Plewa
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| Dr. Dietrich Plewa. | Christoph Hess. |
Ein Dr. Dietrich Plewa weiß seine Laute da pointierter und für die Zuhörer launiger vernehmbar zu verkünden. Vielleicht darf der Schwabe ja beim nächsten Mal richten und sprechen. Er kann Beides mit intellektuell und stilistisch subtiler Akkuratesse. Es gibt nicht wenige profunde Beobachter dieser Dressursparte, die Plewa auch beim Bundeschampionat das Mikrofon gerne in die Hand drücken möchten, statt immer und immer wieder dem FN-Bediensteten Hess bei seinen oftmals personenbezogenen Kultreden zuhören zu müssen. Ein Wechselspiel von Prüfung zu Prüfung zwischen Hess und Plewa hätte für das Publikum sicherlich eine belebende Wirkung.
Zu den WM-Auserwählten der Fünfjährigen zählt auch Dämon`s Divene (von Dämon Hill - Rubin-Royal), die in großzügiger Pose von Helen Langehanenberg geritten wurde und durch ihre ebenso schwungvollen wie raumgreifenden Bewegungsvorzüge zu überzeugen vermag. Zum WM-Kontingent gehört auch Showtime (von Sandro Hit - Rotspon), ein hannoverscher Wallach, der von Dorothee Schneider reiterlich gemanagt wird, der aber kein Bewegungs-Feuerwerk abbrannte, wie es seine Note von 8,9 aus der Bundeschampionats-Qualifikation hätte erwarten lassen können.
Lord Loxley I, die deutsche Rakete für Verden!
Wer nicht mit nach Verden reisen darf, aber unbedingt die deutschen Farben dort hätte vertreten müssen, war der Fidertanz-Sohn Fairytale (Mutter von Quattro B), den Isabell Bache äußerst schwungvoll und sicher über das Viereck dirigierte. Als erster Reservist wurde dieses Pferd degradiert, die Schockemöhle-Armada hingegen hofiert. Ich glaube, hier schrie die Ungerechtigkeit abermals zum Himmel.
Bei den sechsjährigen Protagonisten war an vier Pferden kein Vorbeikommen möglich: die Max-Theurer-Stute Schickeria (von Sir Donnerhall - Weltmeyer) ist mit und durch ihre Reiterin Helen Langehanenberg ebenso eine WM-Favoritin wie der bunte Fuchs Lezard aus dem Hause Werth. Der Lord Loxley I - Sohn (Mutter von Riccione), präsentiert von Werth-Bereiter Matthias Bouten, ist an Bewegungs-Dynamik ein strahlender Fixpunkt, seine fliegenden Wechsel haben explosive Wirkung. Kurzum: die deutsche Rakete für Verden!
Die stilistisch und technisch feinfühlig reitende Luxemburgerin Kristine Möller darf sich glücklich schätzen mit Freak Blue Phantom ein augenscheinlich ungemein ansprechendes Pferd reiten zu dürfen. Der braune Florencio-Sohn (Mutter von Feinbrand) demonstrierte eine in allen Details sichere und exakte Prüfung, wobei die fliegenden Wechsel für ein Pferd diesen Alters an Gleichmaß und vollendetem Ausdruck wohl kaum zu überbieten sind. Endlich mal ein Florencio im Rampenlicht. Es scheint sie sonst ja nicht zu geben!
Auf dem Hufschlag nach oben: Dorothee Schneider
Damon Jerome, Rheinländer von Dämon Hill - Guy Laroche, Vorjahrs-WM-Finalist, schien mit dem fliegenden Wechseln seine Mühe zu haben, sprang schief und kurz. Auch bei ihm fehlte - unter der immer lustigen und feurigen Uta Gräf - das Feuer eines hochgehandelten WM-Helden. Keine WM-heiligen Galoppwechsel fabrizierte gleichfalls der Rapphengst St. Emilion (von Sandro Hit - Ehrenwort), der aber von Deutschlands neuer Wunderreiterin Dorothee Schneider gefördert wird, und die introvertierte Pfälzerin ist gegenwärtig das Maß aller Dinge. Bei den Richtern allemal. Wie sonst kann ein Pferd ohne Elastizität und schwingendem Rücken deutsche WM-Lorbeeren einheimsen wie der hannoversche Hochadel-Sohn Horatio. Eine fehlerhafte Vorstellung - mangelhafte fliegende Wechsel - von einem stumpf dahintrabenden und einem wenig bodengewinnendem galoppierendem Pferd, das einzig und allein eine schöne Figur verkörpert. Ausschlaggebende Faktoren einer Dressurpferdeprüfung der Kategorie M sollten doch immer noch die Trab-Traversalen und die - in diesem Fall - vier fliegenden Galoppwechsel sein. Oder?
Der bayerische Hengst Franz Joseph - man höre und staune, ebenfalls von Florencio abstammend (Mutter von Coriograf B) - hätte statt seiner ins deutsche WM-Aufgebot gehört. Der Modelathlet aus München trabt elastisch, galoppiert bergauf und kann fliegende Wechsel zelebrieren, dass es dem Zuschauer die Sprache verschlägt. Dieser Beau als zweiten Reservisten zu notieren, zeigt, was für ein politisches Ränkespiel hinter den Kulissen vonstatten geht. Seinem Reitersmann, dem stets jovialen Ralf Kornprobst, fehlt eben die entsprechende Lobby.
Den mit seinem linken Hinterbein fast permanent ungleich trabenden Rapphengst Sergio Rossi (von Sir Donnerhall - Rosenkavalier) noch vor Franz Joseph als ersten Nachrücker zu präferieren, ist an offensichtlicher Fragwürdigkeit nicht zu überbieten. Sergio Rossi wird geritten von Kira Wulferding und dieser jungen Dame aus Oldenburger Landen schaut nicht selten Jonny Hilberath zu privaten Trainingszwecken über die Schulter, insbesondere wenn sie die Pferde von Österreichs First Lady Max-Theurer sattelt. Richten von Reitschülern sollte in Deutschland verboten werden!!!
Ein Lichtblick für die Zukunft: Sonja Kirchhoff und Soulmate
Das deutsche Dressur-Aufgebot für die Weltmeisterschaften Anfang August in Verden hat vornehmlich bei den Sechsjährigen höchste Qualität, wobei ein Pferd und seine Reiterin in ganz besonderem Maße herausstechen: Sonja Kirchhoff und ihr dunkelbrauner Hengst Soulmate (von Sandro Hit - Calypso II). Dieses Paar zelebrierte Dressurreiten in diesem Alterssegment par excellence. Das Pferd, eine dressursportliche Erscheinung allerhöchster Hoffnung; vom Scheitel bis zur Sohle ein sportives Highlight. Die Reiterin, eine Sympathieträgerin: jung, liebenswert, die freundliche Herzlichkeit in Person. Der erste große Auftritt von Sonja Kirchhoff steht bevor. Eine Geschichte, wie sie die nationale Dressurwelt dringend benötigt. Eine Story ohne Tricks und doppelten Boden, ohne Filzokratie und Beziehungsdünkel. Diese Geschichte schreibt das Leben, ehrlich und wahrhaftig!
Alle Fotos: Raimund Hese
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