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Fall Werth: Was soll man noch glauben ...
Ein Kommentar zu den Erzählungen der Isabell Werth
Rheinberg. Zur guten Sendezeit gab die wegen Doping gesperrte Dressurreiterin Isabell Werth in der ZDF-Sendung "das aktuelle Sportstudio" ihre Darstellung zum Besten, was auch ihr gutes Recht ist. Nur, dass ihre Ausführungen einen schalen Beigeschmack erzeugen - vor dem Hintergrund der Person Werth: seit über 20 Jahren im Leistungssport, studierte Juristin, Kennerin der Problematik Doping bzw. verbotene Medikation im Reitsport - spätestens seit den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Nur die Fakten sprechen gegen die momentan erfolgreichste Dressurreiterin der Welt. Zudem greift sie den Verband an, die Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (FN).
In der ZDF-Sendung betonte Werth, dass sie unbedingtes Vertrauen zum Schweizer Tierarzt Hans Stihl hatte und immer noch hat, dieser verabreichte dem Dressurpferd Whisper das verbotene Medikament Fluphenazine. Auch die Tatsache, dass Stihl in weiteren früheren Dopingfällen involviert war - unter anderem 2003 bei Dressurreiterin Ulla Salzgeber (Bad Wörishofen), deren Pferd Rusty zu hohe Testosteronwerte im Blut hatte -, war für Werth kein Grund, an der fachlichen Kompetenz des mittlerweile 77 Jahre alten Tierarzt zu zweifeln.Zumal, so räumte Werth im ZDF ein, war bekannt, dass Fluphenazine im Pferdesport verboten ist und somit auf der Dopingliste steht. Hier hätte der kühle juristische Verstand greifen müssen, ein zusätzlicher Sicherheitsanruf bei einem kompetenten Pferdefachtierarzt hätte Klarheit gebracht, unter anderem beim FN-Fachbereich Veterinärmedizin: Dr. Michael Düe - Telefon 0 25 81 / 63 62 136 oder E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. -, der sich in den Thematiken Medikation, Tierschutz und Arzneimittelrecht bestens auskennt.
Warum kein Anruf beim FN-Veterinär erfolgte, lässt sich nur vermuten. Entweder war die Meinung des Schweizer Tierarztes für Werth ausreichend genug, dass das Medikament im Pferde schnell abgebaut ist, dann hat sie blauäugig gehandelt. Oder sie kannte die Antwort von Dr. Düe im Voraus, sinngemäß: "...um Himmels willen, die Finger davon lassen ...". Dann hat sie wissentlich gehandelt, mit der "Hoffnung", es wird schon nichts passieren. Nur taugte die Aussage von Stihl nichts, denn das bei Whisper nachgewiesene Medikament war noch längst nicht abgebaut - was wohl in der einschlägigen Literatur nachzulesen ist. Um es zu betonen, die Rede ist nicht von einer Reiterin, die auf ländlichen Turnieren unterwegs ist, sondern die Rede ist von einer langjährigen Berufsreiterin - vermutlich wäre so ein Vorfall bei einer ländlichen Reiterin nicht vorgekommen.
Dann wäre noch die Sache mit dem Krankheitsbild von Nachwuchspferd Whisper, der an der so genannten "Zitterkrankheit" leidet. Laut dem Dortmunder Pferdefachtierarzt Dr. Eberhard Schüle ist die Zitterkrankheit medizinisch ungeklärt, jedoch sind die Symptome, wie unkontrollierte Reaktionen etwa beim Rückwärtsrichten, bekannt, allerdings gibt es keine Therapie. So viel Fachwissen hätte der behandelnde Tierarzt haben müssen.
Ist ein Pferd mit so einer Krankheit für den Turniersport, sprich Spitzensport, verwendbar? Folgt man den Marktgesetzen, nämlich Gewinnmaximierung zu erreichen, dann wäre die Argumentation sportlicher Einsatz anzuwenden. Folgt man dem gesunden Menschenverstand, der auch mit Verantwortung gegenüber einem kranken Pferd in Verbindung stehen sollte, dann würde das Argument lauten: keine sportlichen Ambitionen in den Vordergrund stellen. Für Reiterin Werth, Tierarzt Stihl und auch Pferdebesitzerin Madeleine Winter-Schulze (Wedemark) hätte der gesunde Menschenverstand im Vordergrund stehen müssen.
Juristin Werth kennt die Regeln, die im Dopingvergehen gelten. Sie ist als Reiterin verantwortlich, von der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) zwar suspendiert, vom deutschen Reiterverband in Hinsicht auf folgende Sanktionen noch nicht einmal angezählt worden - in der Sache Christian Ahlmann waren die deutschen Funktionärstöne schneller und deutlicher zu hören, ohne sich auf ein damaliges Urteil des FEI-Tribunals zu berufen. Ob die obersten FN-Funktionäre aus dem peinlichen Auftreten gegenüber Ahlmann gelernt haben oder ob ein für den deutschen Pferdesport im Hintergrund schwebendes Scheckheft der größten Privat-Mäzenatin Winter-Schulze eine Rolle spielt, ist nur zu vermuten. Fakt ist, dass die Regelwerke des nationalen und internationalen Reiterverbandes alles andere als klar sind, sie stehen ganz kurz vor der sportlichen Insolvenz.
Fakt ist auch, dass Werth seit dem Wochenende massive Vorwürfe gegen die FN anbringt. In einer Meldung der Deutschen Presse Agentur (dpa) ist zu lesen "Ich fühle mich in eine Ecke gestellt, in die ich nicht gehöre. Ich bin keine Kriminelle" und "Es wäre schön zu wissen, dass der Verband auch in schlechten Zeiten zu einem hält. Das Gefühl habe ich im Moment nicht". Dazu gehört auch der Kritikpunkt "undurchsichtige Reglement des Verbandes bei der Abgrenzung zwischen Medikation und Doping, das seit Jahren diskussionswürdig sei".
Ein wagemutiger Anspruch in der Not. Hofft Juristin Werth etwa auf den "In-dubio-pro-reo-Grundsatz"? Zweifel am Dopingvergehen bestehen nicht, also kann dieser juristische Grundsatz nicht gelten. Außerdem wurde sie noch nicht durch die FN angeklagt, deren Generalsekretär Soenke Lauterbach auf die Vorwürfe mit einfachen Worten konterte: "Was erwartet sie denn von uns? Wir müssen eine neutrale Position einhalten, sonst denkt doch jeder, wir wollen etwas vertuschen. Dieser Fall ist überhaupt nicht unklar. Das ist ein ganz klarer Doping-Fall. Davon darf man jetzt nicht ablenken, indem man dem Verband die Schuld zuweist."
Fakt ist auch, dass man Isabell Werth zu Gute halten muss, dass sie auf die Öffnung der B-Probe und auf einen Einspruch gegen die FEI-Suspendierung verzichtete. Das Verfahren, so die Hoffnung Werths, könnte dadurch beschleunigt werden.
Auch wenn sich die Dressurreiterin in der Öffentlichkeit immer wieder entschuldigt, weist dieser Fall eine gewaltige Brisanz aus. Für den Sport, insbesondere für die sportliche Ebene der Landesverbände, wäre ein rasches Aufarbeiten mehr als sinnvoll, wäre ein klar definiertes Regelwerk in Sachen Doping mehr als hilfreich.
Es ist nicht mehr fünf vor Zwölf, es ist bereits fünf nach Zwölf - und die Uhr tickt weiter.
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