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Deutscher Tierschutzbund: Doping – die Situation ist fünf nach Zwölf
Bonn. Zu der aktuellen Dopingkrise im deutschen Reitsport unterhielt sich die PferdeSportZeitung.de mit Dr. Claudia Salzborn, Referentin der Akademie für Tierschutz beim Deutschen Tierschutzbund.
- Das deutsche Starterfeld in Aachen repräsentiert mit Kutscher und Beerbaum im Doppelpack das Who is Who des Dopings bzw. verbotener Medikation. Ist aus tierschützerischer Sicht dem Pferdesport überhaupt noch zu helfen?
Tierschutzbund: Was den Tierschutz im Pferdesport – genauer im Hochleistungssport – angeht, ist die Situation als fünf nach zwölf zu bezeichnen. Und der Sumpf ist sogar tiefer als wir gedacht haben. Neben dem Thema „Doping“ sind es vor allem die tierquälerischen Trainingsmethoden (wie beispielsweise das Barren, elektrische Schläge und die Rollkur), die uns schockieren sowie das Selbstverständnis der Reiter, dass alles erlaubt ist, was zum Sieg führt. Im Prinzip ist das Pferd nur ein Sportgerät.
- Doping ist ein Thema, wo es um ein selbst gemachtes Reglement, das nicht eingehalten wird, geht und um Substanzen im Nano- und Picogrammbereich. Franke Sloothaak sagte vor ein paar Tagen dem Sport-Informations-Dienst sinngemäß: Wenn du dopst, betrügst du in erster Linie einmal deine Konkurrenten. Ist in diesem Zusammenhang nicht viel interessanter, was die Pferde zwischen den Turnieren bekommen und muss da nicht angesetzt werden?
Tierschutzbund: Wenn ein Reiter seinem Pferd eine Substanz auf die Röhrbeine schmiert, damit diese schmerzempfindlicher werden und das Pferd entsprechend aufmerksamer am Sprung ist, ist das im Sinne des Tierschutzes in erster Linie ein Betrug am Pferd. Solche Manipulationen erfolgen im Training und auf den Turnieren. Das Turnier ist nur die Spitze des Eisbergs. Hinzu kommt, dass die Anti-Doping-Bestimmungen nicht konkret genug sind. Sie enthalten zuviel Grauzonen und Schlupflöcher und auch die Ahndung lässt einen zu großen Spielraum. Wichtig sind einheitliche Bestimmungen mit abschreckender Wirkung, die dann auch mit entsprechender Härte durchgesetzt werden und zwar im Training und auf den Turnieren.
- Wie ist der deutsche Tierschutzbund in die Aufklärung der tierschutzrelevanten Vorfälle involviert?
Tierschutzbund: Der Deutsche Tierschutzbund kann erst nach dem Bekanntwerden solcher Vorfälle reagieren. Wie dann im Einzelnen vorgegangen wird, benötigt in der Regel eine sehr genaue fachliche und juristische Prüfung. Ob beispielsweise im Einzelfall eine Strafanzeige von uns ausgeht, hängt von vielen Faktoren ab, z.B. wie sich die Beweislage darstellt oder auch von dem Land, in dem die Manipulation erfolgt ist. Wir können keine Strafanzeige gegen die Verfehlungen in Hongkong stellen, da die Dopingfälle in China stattgefunden haben und damit das Deutsche Tierschutzgesetz nicht greift, so gerne wir Ahlmann, Kutscher, Pesoa und Co. auch angezeigt hätten.
Darüber hinaus nehmen wir konkrete Vorfälle , um auf die grundsätzliche Problematik - die viel zu hohen Anforderungen an die Pferde, die Grauzone zwischen Medikation und Doping, die fehlenden Kontrollen in den Trainingsställen, fragwürdige Methoden in der Pferdeausbildung, die dringend zu überarbeitenden Reglements – immer wieder aufmerksam zu machen. Diesen Argumenten kann sich die FN auch nicht mehr verschließen.
- Auch Herr Kutscher wird in Aachen in den Sattel steigen als sei nichts geschehen. Wie beurteilen Sie dies besonders im Hinblick auf die Außenwirkung?
Tierschutzbund: Kutscher steigt sicherlich nur scheinbar in den Sattel als sei nichts geschehen. Mit einem Pferd, das einen Zusammenbruch erleidet – nachdem ihm darüber hinaus noch eine verbotene Substanz gespritzt wurde - in den Parcours einzureiten, ist unfassbar. Und Kutscher und Co. ist bestimmt bewusst, dass sie in der Öffentlichkeit kein gutes Bild als Tierfreunde abgeben, sondern im Gegenteil eher als Tierquäler wahrgenommen werden könnten.
Und wir werden sicherlich auch im Rahmen entsprechender Pressemeldungen dafür sorgen, dass das Vergessen nicht so schnell eintritt wie sich mancher Reiter dies wünschen würde.
- Die öffentlich-rechtlichen Anstalten (ARD und ZDF) werden aus Aachen 97 Stunden übertragen. Wurde der Deutsche Tierschutzbund jemals zu den aktuellen Vorfällen befragt?
Tierschutzbund: Wir wurden nicht von ARD / ZDF, den Funktionären oder der Deutschen Reiterlichen Vereinigung befragt, aber wir melden uns selbst zu Wort und insbesondere die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) kennt unsere Position sehr genau. In den 1990er Jahren haben wir bereits mehrere Strafanzeigen wegen tierschutzwidriger Erziehungsmethoden, dem Barren, gegen Paul Schöckemöhle und verschiedene seiner Schüler erstattet. Zu Themen, wie beispielsweise Doping, Rollkur, Barren stehen wir im kritischen Austausch mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Die aufgedeckten Einzelfälle stellen nur die Spitze des Eisbergs dar. Unsere Forderungen an den Hochleistungssport gehen weit darüber hinaus:
- Die Anforderungen an die Tiere müssen deutlich herabgesetzt werden. Die Leistungen, die den Pferden im Hochleistungssport abverlangt werden, sind mittlerweile so extrem hoch, dass eine kontinuierlich hohe Leistung nur noch mit Medikation und Manipulation erreicht werden kann.
- Grundsätzlich sollte sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung einmal Gedanken darüber machen, was ist „normal“? Kann es sein, dass ein Pferd, das ständig mit dem Schweif schlägt und Abwehrbewegungen zeigt, eine Top-Bewertung in der Dressurprüfung erhält? Wir fordern eine Überprüfung der Reglements!
- Wir fordern außerdem unangekündigte Trainingskontrollen im Hinblick auf Medikamenteneinsatz und tierschutzwidrige Erziehungsmethoden.
- Wir fordern eine rigorose Aufklärung von Doping-Fällen und anderen Manipulationen: Aberkennung der Titel, lange Sperren und im Falle einer Wiederholung eine lebenslange Sperre.
- Besteht nicht die Gefahr, dass durch die öffentlich-rechtliche Präsenz das Verhalten der Stars als Normalität empfunden wird?
Tierschutzbund: Die Auflösung der Nationalmannschafts-Kader durch die Deutsche Reiterliche Vereinigung ist ein erster Schritt in die richtige Richtung und wurde u.a. auch dadurch eingeleitet, weil neue Verhandlungen um eine Verlängerung des auslaufenden TV-Vertrages zum Jahresende anstehen. Von daher sollte es auch im Sinne des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sein, die Präsenz der aus Tierschutzsicht sehr fraglichen „Stars“ zu nutzen, um auf das Problem kritisch aufmerksam zu machen und auf einer ernsthaften Lösung zu bestehen. Sollte aber im Kampf gegen Doping – und das muss gleichermaßen für das Vorgehen gegen andere Manipulationen gelten – nur Augenwischerei betrieben werden und die Vorfälle reißen nicht ab, dann sind die Sendeanstalten gefordert, die Berichterstattungen komplett einzustellen. Einen Sport zu präsentieren, der auf Lügen und Tierquälerei basiert, kann auch nicht in deren Interesse liegen.
- Wie beurteilen Sie die Versuche der FN und FEI in Sachen Aufklärung der vorgefallenen tierschutzrelevanten Vorfälle? Man hört wenig über die Beteiligung von Tierschutzvereinigungen, hippologischen Sachverständigen bzw. Tierärzten. Quest aus England solls nun richten. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Tierschutzbund: Die Reiterliche Vereinigung kennt unsere Forderungen ganz genau. In der Vergangenheit gab es eine Arbeitsgruppe, in der Deutsche Tierschutzbund und die Reiterliche Vereinigung über Fragen hinsichtlich des Tierschutzes im Pferdesport miteinander regelmäßig diskutierten. Wir haben der Reiterlichen Vereinigung angeboten, eine solche Arbeitsgruppe wiederzubeleben. Bisher ist die Reiterliche Vereinigung nicht darauf eingegangen.
Vor diesem Hintergrund ist auch die Beurteilung im Moment für uns fragwürdig, in welche Richtung sich das Ganze entwickelt. Zu wünschen ist, dass die Deutsche Reiterliche Vereinigung die Chance nutzt, um in ihren Reihen aufzuräumen. Die Probleme sind ihnen durchaus bewusst und sie gestehen diese auch in den Schriftwechseln mit uns ein. Letztendlich liegt es auch in ihrem Interesse, den Sumpf trockenzulegen.
Wenn die Kaderauflösung jedoch nur dazu dienen sollte, die Sponsoren gnädig zu stimmen und alles beim Alten bleibt, werden die Dopingfälle nicht abreißen. Und wenn es sogar darum geht, die Regeln weiter aufzuweichen – damit illegales Handeln nun zum legalen Handeln wird – wird der Deutsche Tierschutzbund dies öffentlich machen und da unterstützen uns sicher viele Tierfreunde.
- Tierschutz ist Bestandteil unserer Verfassung. Warum passiert eigentlich nichts vom Gesetzgeber, wenn Vorfälle wie die nun aufgedeckten passieren?
Tierschutzbund: Tierschutz hat Verfassungsrang. Trotzdem hält sich der Gesetzgeber sehr zurück. Das Wohl der Pferde ist bis heute nicht ausreichend durch das Tierschutzgesetz und sich daraus ableitenden entsprechenden rechtsverbindlichen Verordnungen geschützt. Leitlinien zur Haltung von Pferden oder zum Tierschutz im Pferdesport, wie sie im Moment existieren, sind bei Weitem nicht ausreichend. Denn Leitlinien sind keine Rechtsnormen und damit dienen sie nur der Selbstkontrolle durch die Verbände. Das dies nicht funktioniert, ist leider in Anbetracht der gegenwärtigen Situation selbstredend.
Es bedarf einer ganz konkreten rechtsverbindlichen Verordnung, die keine Grauzonen und Auslegungsspielräume)zulässt: Ob man es bspw. nun Barren oder Touchieren nennt, tierschutzwidrige Handlungen müssen klar unterbunden werden. Dies beginnt hinsichtlich des Sports bei obligatorischen Gesundheitschecks für jedes Tier von unabhängigen Tierärzten, Anforderungen an einen wirksamen Schutz vor Überforderung und tierschutzwidrigen Manipulationen während der Prüfung und im Trainingsstall. Es gehören jedoch auch dazu, die Anforderungen an eine pferdegerechte Haltung (artgerechte Gestaltung der Haltung mit mehrstündiger freier Bewegung, Sozialkontakt zu Artgenossen, Weidegang) festzulegen, die gleichermaßen für jedes Pferd Gültigkeit haben.
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